Mittwoch, 28. März 2018

Die Angst vor Präsident Trump Teil 2

Als Grundschüler verfolgte ich 1983 besorgt die Verabschiedung des NATO-Doppelbeschlusses zur Stationierung der amerikanischen Pershing-II-Raketen in Deutschland und Westeuropa. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Weltuntergangs-Angst, ausgelöst durch das wahnwitzige Wettrüsten der Großmächte. In der Schule diskutierten wir 1983 über den Film “The Day After”, der den nuklearen Overkill mit drastischer Schonungslosigkeit zeigt, und unsere Klassenlehrerin musste psychologische Ersthilfe leisten, nachdem einige Schüler/innen am nächsten Tag aus Angst vor einem bevorstehenden Atomkrieg in Tränen ausbrachen. Die Ängste meiner Mitschüler vor dem Dritten Weltkrieg waren begründet.

Sergej Petrow © gemeinfrei
1963 stationierte die Sowjetunion Atomraketen auf Kuba. Die USA reagierten aggressiv und beschossen sogar ein sowjetisches Atom-U-Boot. Die Folge war eine Krise, in der die Welt am Rand eines Atomkriegs war, die sich vom 14. bis 28. Oktober 1962 zuspitzte und durch John F. Kennedys Besonnenheit beendet wurde, sodass Generalsekretär Nikita Chrustschow die Atomraketen von Kuba abziehen ließ. Am 26. September 1983 verhinderte der russische Offizier Stanislaw Petrow einen Atomkrieg, in dem er die Meldung eines Überwachungssatelliten nicht als amerikanische Interkontinentalrakete, sondern als Sonnenreflexion interpretierte – und nicht den Alarm auslöste.
Darüber hinaus hätten sowjetische Militärs die NATO-Übung Able Archer 83 vom 7. Bis 11. November 1983 als Pläne des Westens für einen nuklearen Erstschlag ansehen und dementsprechend reagieren können, doch sie blieben besonnen. Filme wie “The Day After” oder auch “War Games” spiegeln noch heute die Angst der Menschen vor dem Atomkrieg wieder. Bisher konnte uns immer die Vernunft vor einem nuklearen Schlagabtausch bewahren.


Dennoch ist die allgegenwärtige Gefahr, die während des kalten Krieges durch das atomare Wettrüsten ausging, relativ gering im Vergleich zur heutigen weltpolitischen Lage. Wir wissen nun, dass die Gefahr eines Nuklearkrieges nach dem Fall der Berliner Mauer mitnichten gebannt ist. Wir erleben vielmehr heute eine Entwicklung, die viel gefährlicher ist, als zur Hochzeit des kalten Krieges. Seit dem 8. November 2016 und der Wahl von Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der USA überstürzen sich weltpolitische Ereignisse. Es sind Ereignisse, die sich noch nicht einmal Thriller-Autoren wie John LeCarré oder Frederick Forsythe ausdenken könnten. Der Skandal um die Anweisung der illegalen Überwachung der demokratischen Partei im Watergate Hotel in Washington, DC, durch Präsident Nixon erscheint dagegen wie eine lächerliche Farce. Und hätte Tom Clancy einen solchen Plot seinem Lektor vorgelegt, wäre das Projekt abgelehnt worden mit den lakonischen Worten: „Zu unrealistisch!”

Die Situation ist deswegen so instabil und explosiv geworden, weil radikale politische Kräfte danach trachten, ganze Nationen zu Hass und Nationalismus anzustacheln und politisch zu spalten. Diese Kräfte ermöglichten auch die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA. Die Hintergründe für seine Wahl sind zwielichtig und ein Grund dafür, dass wir nun auf einem Pulverfass leben, das jeden Moment explodieren kann. Die Frage, ob es unter Donald Trump zu einem Krieg kommen könnte, hängt davon ab, wie er in den kommenden Krisen reagieren wird. Wenn wir das, was wir an Verdachtsmomenten und Indizien haben, zusammenfassen, ist die Frage nicht mehr, ob Donald Trump kriegerisch reagiert, sondern wann. Wann wird er einen Krieg anzetteln, um von innenpolitischen Problemen abzulenken? Schauen wir uns die Faktenlage an.

Jurisdiktive Probleme
Es beginnt mit jurisdiktiven Anschuldigungen. Russland wird verdächtigt, die Präsidentschaftswahlen durch Computerhacks und die gezielte Streuung von Fake News über soziale Medien manipuliert zu haben. Die Befürchtung ist, dass Russland gezielt die amerikanische Bevölkerung durch rechtspopulistische Politik spalten wollte und will. Ähnliches gilt für Europa, wo rechtsnationale Parteien auf dem Vormarsch sind, die von Russland finanziert werden. Einige von Trumps Mitarbeitern, wie der ehemalige nationale Sicherheitsberater Michael Flynn oder der Wahlkampfmanager Paul Manafort, wurden inzwischen von einem Sonderermittler, dem ehemaligen FBI Direktor Robert Mueller III., angeklagt. Sie bekannten sich schuldig.
James Comey © gemeinfrei
James Comey, bis zum 9. Mai 2017 noch FBI-Direktor, fertigte nach einer Unterredung mit Präsident Trump ein Gedächtnisprotokoll an, in dem er dokumentiert, dass Trump ihn dazu aufforderte, nicht im Falle von Michael Flynns Verstrickung mit Russland zu ermitteln. Trump feuerte auch Comey – ein einzigartiger Vorgang in der US Justiz. Sonderermittler Mueller nun untersucht, ob es sich bei Trumps Aufforderung an Comey, nicht gegen Flynn und andere Mitarbeiter zu ermitteln, um eine Behinderung der US Justiz durch den Präsidenten handelt. Sollte das zutreffen, wäre das ein Grund für die Absetzung des Präsidenten durch den Kongress.

In seinem Buch “Fire and Fury” beschreibt der Journalist Michael Wolff das Weiße Haus unter Trump nicht nur als ein inkompetentes Tollhaus, sondern auch, dass der ehemalige Präsidentenberater und Mitgründer der ultrarechten Nachrichtenseite Breitbart News, Stephen Bannon, Donald Trump beschuldigte, vor der Wahl geheime Treffen mit Vertretern der russischen Regierung abgehalten zu haben. Bannon sprach von Landesverrat im Weißen Haus. Es war Bannon, der die Aufsicht über die Daten der Firma Cambridge Analytica hatte, die 50 Millionen Facebook-Profile von ahnungslosen Nutzern abgegriffen und ausgebeutet hatte, um diese Nutzer mit gezielt entwickelten Fake News zu manipulieren, was maßgeblich zum Wahlsieg Donald Trumps gegen Hilary Clinton beitrug. Das Department of Justice ermittelt gegen Cambridge Analytica und inzwischen hat sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei seinen Nutzern entschuldigt und angekündigt, bessere Datenschutzrichtlinien zu entwickeln. Doch das Kind ist am 8. November 2016 in den Brunnen gefallen: Donald Trump ist unter äußerst fragwürdigen Umständen ins Präsidentenamt gekommen. Die Frage ist, wie lange er im Amt sein wird und welchen Schaden er in dieser Zeit noch anrichten kann. Seine Möglichkeiten als Präsident mit alleiniger Entscheidungsgewalt über einen nuklearen Erstschlag sind sehr groß.

Psychopathologische Probleme
Da ist auch die Persönlichkeit des Präsidenten selbst. Er feuert jeden, der ihm nicht gehorcht. Im Weißen Haus herrscht ein Kommen und Gehen. Der gemäßigte nationale Sicherheitsberater und Nachfolger von Michael Flynn, General H.R. McMaster, musste inzwischen ebenso gehen wie der moderate Außenminister Rex Tillerson, der ein vernünftiges, korrektives Gegengewicht zu Trumps zornigem Temperament war. Trump schart nun Ja-Sager um sich, es herrscht ein Klima der Angst in der amerikanischen Machtzentrale. So musste McMaster für den rechtskonservativen John Bolton weichen, der bekannt ist für seine Befürwortung des römischen Diktums: Si vis pacem, para bellum – Wer Krieg will, müsse sich auf den Krieg vorbereiten.

Und hier fängt das psychologische Problem Trumps an, psychopathologisch gefährlich zu werden. Trump regiert mit dem Bauch, nicht mit seinem Verstand, um seine nationalistische Politik “America First” durchzupauken. Aufgrund seiner stark narzisstischen Persönlichkeit akzeptiert Trump keine Kritik an seiner Person. Somit umgibt er sich mit den streng konservativen Ex-CIA-Direktor Mike Pompeo als neuem Außenminister und mit seinem neuen Sicherheitsberater John Bolton, der für einen Erstschlag auf Nordkorea ist, den Iran bombardieren lassen will und aktiv an der Konstruktion der Lüge über Massenvernichtungswaffen im Irak beteiligt war. Wir sprechen hier von einem nationalen Sicherheitsberater, der im Jahr 2002 unter der Regierung George W. Bush dafür gesorgt hat, dass Nordkorea aus einem Atom-Abkommen ausgestiegen ist, das die Clinton-Administration bereits 1994 eingeleitet hatte, um zu verhindern, dass Nordkorea Atomwaffen entwickelt. Ferner gilt Bolton als ausgesprochener Hardliner gegenüber Russland. Keine guten Voraussetzungen also für eine friedliche Zukunft.

Es gibt daher, abgesehen von Trumps Problem mit China, inzwischen drei Brandherde, die durch Präsident Trump erschreckend schnell hochgekocht sind und schneller als gedacht zum nuklearen Krieg eskalieren könnten:
  • Iran: Der Deal mit dem Iran, gegen Lockerung der Wirtschaftssanktionen auf Atomwaffen zu verzichten, droht durch Trump und Bolton zu wanken. Sollte die Trump-Regierung den Deal aufkündigen, könnten sich der Wächterrat und die Führung in Teheran gezwungen sehen, die Entwicklung von Atomwaffen erneut aufzunehmen und sogar zu beschleunigen. Doch das würde sich Israel nicht bieten lassen. Israel könnte einen Präventivschlag beginnen, um den Iran endgültig daran zu hindern, nuklear aufzurüsten und somit einen atomaren Holocaust zu verhindern. Ein großer Krieg im Nahen Osten wäre vorprogrammiert, auch da Präsident Trump entgegen des Protests vieler Nationen die amerikanische Botschaft nach Jerusalem verlegen lässt. Da Russland auf der Seite Syriens und Irans kämpft, wäre eine Eskalation sicher.
  • Nordkorea: John Bolton hält nichts von Friedensverhandlungen mit Nordkorea. Er befürchtet, dass Kim Jong-Un die USA täuschen will mit seinem Angebot der Denuklearisierung. Stattdessen hält Bolton nur einen Enthauptungsschlag für sinnvoll, ignoriert aber die möglichen dramatischen Konsequenzen für Asien und die Welt, so wie er die katastrophalen Folgen der Invasion in den Irak ausblendete, die viele hunderttausende Leben kostete und radikale Islamisten-Gruppen wie den sogenannten „IS” groß machte. Ein Krieg im Nahen Osten wäre auch hier vorprogrammiert, zumal China auf Seite der Nordkoreaner kämpfen würde.
  • Russland: Nach dem Giftgasanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal im englischen Salisbury am 4. März 2018 hat auch Präsident Trump angewiesen, russische Botschafter aus den USA auszuweisen. Die USA schließen sich Europa, Kanada, Australien und anderen Ländern an. Diese Ausweisung ist beispiellos. Russland reagiert seinerseits mit Konsequenzen, sodass eine diplomatische Abwärtsspirale in Gang gesetzt wurde, die Premierministerin Theresa May als Vergeltung für den Anschlag initiierte. Bolton hält nichts von feinem diplomatischen Florettfechten, sondern bevorzugt die knallharte Drohkulisse. Sehr schnell könnte es im Nahen Osten in Syrien oder in Europa zu militärischen Zusammenstößen mit russischen Militärs kommen, die dann eskalieren. Bolton würde Trump nicht ermuntern, besonnen zu handeln.
Darüber hinaus herrscht seit 2011 ein Stellvertreterkrieg in Syrien zwischen den USA und Russland. Kurzum, die weltpolitische Lage hat sich seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten durch seine unbedachten Handlungen und Provokationen dramatisch verschlechtert. Sie ist viel unberechenbarer als zur Zeit des kalten Kriegs, als ein nukleares Patt herrschte und den Frieden „sicherte” durch die Erkenntnis, dass es keinen Sieger eines Atomkrieges geben kann. Durch Trumps impulsives Handeln und seinen Narzissmus bedroht er den Weltfrieden.

Das Worst-Case-Szenario
Was wird nun geschehen? Sonderermittler Robert Mueller wird die Ermittlungen in der Russland-Affäre trotz Trumps Drohungen durch Anwälte intensivieren. Trump verhält sich nicht wie ein Unschuldiger, wenn er die Ermittlungen Muellers diskreditiert. Hätte er nichts zu verbergen, würde er nicht so rüde gegen die Ermittlung vorgehen. So könnte tatsächlich herauskommen, dass Donald Trump versucht hat, als Präsident die Justiz zu behindern. Eine Amtsenthebung wäre die Folge.
Robert S. Mueller III
© gemeinfrei
Wenn Trumps Diskreditierung des FBI und Robert Muellers nicht funktioniert, könnte er sein Problem externalisieren: Trump würde nicht versuchen, einen Konflikt im Ausland (Nordkorea, Iran, Russland) diplomatisch einzudämmen, sondern sogar aktiv zu schüren. Im schlimmsten Fall hört er auf Sicherheitsberater Bolton und befiehlt Erstschläge auf Nordkorea oder den Iran oder dreht weiter an der Eskalationsschraube mit Russland.

Im Falle eines Krieges mit Russland wäre die Folge ein Erstschlag auf Verbündete der USA in Europa. Das primäre Ziel wäre Deutschland und hier der Luftwaffenstützpunkt Büchel, wo über 20 nukleare Sprengköpfe der USA lagern. Unter Donald Trump würden die USA trotz NATO-Zugehörigkeit den Angriff nicht vergelten. Da Rex Tillerson nicht mehr Außenminister ist und die unabdingbare Treue zur NATO zusichern könnte und Donald Trump das nordatlantische Bündnis ohnehin für sinnlos hält, dürfte die Zielnation allein dastehen. Stattdessen würde die europäische Wirtschaft durch den Nuklearangriff und Millionen Tote in einer Stadt wie etwa London, Paris oder Berlin extrem geschwächt.

Es ist offensichtlich, welche Wirtschaftsnationen von einem solchen Angriff profitieren würden: Russland und die USA. Wenn uns also bisher immer die Vernunft vor einem nuklearen Schlagabtausch bewahrt hat, so ist das nun nicht mehr gegeben. Im Weißen Haus herrschen narzisstische Unvernunft und Rachsucht und Moskau trägt durch seine aggressive Spaltungspolitik nicht dazu bei, dass sich die Lage beruhigt. So haben wir erstmals seit 1953 wieder “Zwei Minuten vor Mitternacht” auf der Weltuntergangs-Uhr (Doomsday Clock) des Bulletins der Atomwissenschaftler.

Die Uhr tickt.














Donnerstag, 15. September 2016

Die Angst vor Präsident Trump Teil 1

© Viking Press, 1979
Im August 1979 veröffentlichte Stephen King seinen Roman “The Dead Zone”. Darin beschreibt King, wie der Highschool-Lehrer Johnny Smith mit seinem Wagen verunglückt und fünf Jahre später im Krankenhaus aus dem Koma erwacht. Smith entdeckt, dass er die unmittelbare Zukunft bestimmter Personen sehen kann, wenn er ihre Hände berührt. Auf diese Weise rettet er einige Menschenleben und verhindert Katastrophen. Die größte Katastrophe sieht er jedoch plötzlich bei einer Wahlkampfveranstaltung des Industriellen Greg Stillson. In einer erschreckenden Vision sieht Smith, wie Stillson als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika einen Atomkrieg auslöst. Smith ist sich schmerzlich bewusst, dass er Stillson gewaltsam aufhalten muss. (Kings Buch folgte 1983 eine eindringliche Verfilmung von David Cronenberg mit Christopher Walken als Johnny Smith und Martin Sheen als Greg Stillson.) Gelingt es Johnny Smith, den skrupellosen Stillson davon abzuhalten, einen Atomkrieg zu entfesseln?

Machen wir einen Zeitsprung. Am 8. November 2016 wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Kandidaten für das Präsidentenamt sind die Demokratin Hilary Clinton, der Libertäre Gary Johnson, die Grüne Jill Stein und der Republikaner Donald Trump. Es scheint um die politische Meinung in Amerika und die republikanische Partei nicht gut zu stehen, wenn ein narzistischer Show-Mensch wie Donald Trump überhaupt die Vorwahlen übersteht und offizieller Präsidentschaftskandidat wird. Auf den ersten Blick hat Stephen King daher nur Verachtung für den rechtspopulistischen Immobilienmogul Trump übrig. King wird mithin nicht müde, Donald Trump – gelinde gesagt – negativ darzustellen. So postete er am 11. August auf Twitter: “From the Book of Republicans: Lo, we have many assholes running for President, let us consider, and pick the biggest. And so it was done.”


Donald Trump · © Michael Vadon
Für King ist Donald Trump mithin das größte Arschloch”, das die Republikaner aufzubringen vermögen. Dass Stephen King als bekennender Demokrat nicht nur Verachtung, sondern regelrechte Furcht vor Donald Trump verspürt, offenbart aber ein Tweet, den er einige Monate zuvor postete: King bezeichnet Donald Trump als unwürdig, mit Namen genannt zu werden und nennt ihn “He who must not be named”. King vergleicht Donald Trump hier mit dem fiktiven Charakter Greg Stillson aus seinem Roman “The Dead Zone”. Für Stephen King ist Donald Trump ein gefährlicher Demagoge. Ist Stephen Kings Furcht vor einem Präsidenten Trump berechtigt? Wie könnte es unter Mr. Trump zu einem Atomkrieg kommen?

In einem Interview im März 2016 ließ Donald Trump die Öffentlichkeit aufhorchen, als er bei einem Meeting mit Sicherheitsberatern dreimal gefragt haben soll, warum die USA denn ihre Nuklearwaffen nicht einsetzten, wenn sie schon darüber verfügen. Zu einer anderen Gelegenheit bekräftigte Trump, dass er als Präsident nicht ausschließen könne, Nuklearwaffen einzusetzen. Trump hätte auch keine Scheu, „die Scheiße aus dem IS rauszubomben.  

US-Truppen in Baghdad 2003 · © Public Domain
Der IS-Terror spielt eine Schlüsselrolle bei der Frage, ob ein Präsident Trump einen Atomkrieg auslösen könnte. Die Lage ist im Nahen Osten durch den syrischen Bürgerkrieg komplizierter, als das Mr. Trump wahrhaben will auch wenn er gegen die US-Invasion in den Irak im Jahr 2003 war, die bis heute 250.000 Irakern das Leben kostete. Der sogenannte „Islamische Staat” ist nur das Kind der Invasion in den Irak im Jahr 2003 unter der Administration Bush/Cheney. Dabei kam die Invasion unter vorsätzlich falschen Angaben von Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat zustande: Bekanntlich wurden keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden. Stattdessen streiten seit der Befreiung des Irak Sunniten, Schiiten und Kurden um die territoriale Vorherrschaft. Die schlimmste Folge jedoch war: Führende irakische Militärs des gestürzten Saddam-Hussein-Regimes gründeten zusammen mit radikalen Dschihadisten von Al-Qaida die islamistisch geprägte, terroristische Bewegung des „Islamischen Staats. Das Ziel ist die Errichtung eines weltweiten Kaliphats unter der Herrschaft des IS mittels Terror und Krieg.

Wenn Donald Trump also „die Scheiße aus dem IS bomben will, dann wäre das ein Versuch, die schrecklichste politische Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg zu korrigieren. Doch seine Korrektur wäre eine Verschlimmbesserung. Die Lage ist nicht nur kompliziert, sondern angesichts der syrischen Flüchtlingskrise dramatisch und explosiv. Seit Bundeskanzlerin Angela Merkels wiederholtem Mantra „Wir schaffen das! im Jahr 2015 sind 1,1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen – ein Ende ist nicht in Sicht. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist die Angst der Amerikaner groß, Opfer des islamistischen Terrors durch den IS zu werden, denn 9/11 ist ein nationales Trauma. Realer aber ist die Gefahr für die Europäer, wie die Anschläge von Paris am 13. November 2015 durch den IS zeigten, bei denen 130 Menschen starben. Auch wenn die Gefahr abstrakt ist, so ist die Angst vor dem Terror in den USA und Europa größer als je zuvor.

Falls Mr. Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt werden sollte, dann wäre sein Wahlerfolg eine zwingende Konsequenz aus der Angst der Amerikaner vor der von ihm geschürten Angst vor dem islamistischen Terrorismus. (Ähnliches geschah abgeschwächt vor der Wiederwahl von George W. Bush 2004.) Mr. Trump wird nicht müde zu betonen, wie katastrophal die politischen Zustände durch Angela Merkels Entscheidung, syrische Flüchtlinge in großer Zahl ins Land zu lassen, in Deutschland und Europa geworden seien. Doch Mr. Trumps Wahrnehmung Europas ist so extrem verzerrt, wie er es für sein Ziel braucht. Er könnte sich auch vorstellen, Atombomben in Europa einzusetzen.

Kriegsschäden in der syrischen Stadt Homs
© Public Domain
Trumps Wahlprogramm besteht aus Angst, so wie das Wahlprogramm der AfD hierzulande aus Angst vor dem Fremden und Unbekannten besteht. Denn das sind syrische Flüchtlinge für uns: Fremde aus einem uns unbekannten Kulturkreis. Sie haben ihre Familien und ihren Besitz durch den Krieg verloren, sie fliehen vor Tod, Verstümmelung und Vergewaltigung durch den „Islamischen Staat und das Regime von Baschar al-Assad. Dabei ist die Möglichkeit, dass unter den syrischen Flüchtlingen in Deutschland der eine oder andere „Schläfer des IS auf seinen großen Terror-Auftritt wartet, nicht von der Hand zu weisen. Diese Angst ist berechtigt – und nur menschlich. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass IS-Terroristen auch ohne die Flüchtlingsbewegung nach Deutschland kommen, denn sie wollen nicht auffallen.

In einem älteren Posting zum Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo habe ich darauf hingewiesen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Terroristen atomare, biologische oder chemische Massenvernichtungswaffen einsetzen. Diese Gefahr würde Präsident Trump nutzen, um Gesetze drastisch zu verschärfen und die altehrwürdige Demokratie der USA in eine Autokratie zu verwandeln. Mit der Wahl eines möglichen Präsidenten Donald Trump würde das amerikanische Volk einem Hohepriester der Angst und der Zwietracht zur Macht verhelfen. Sollte Mr. Trump gewählt werden, dürfte die weltpolitische Situation noch problematischer werden. Der für seine Impulsivität bekannte Immobilienmogul ist berüchtigt für seine Rachsucht und seine cholerischen Wutausbrüche. So könnte sich Mr. Trump vorstellen, auf einen terroristischen Anschlag mit Nuklearwaffen zu reagieren.  

Zweifellos würden amerikanische Nuklearbomben im Nahen Osten die weltpolitische Situation extrem eskalieren lassen. Das würde der russischen Seite, politischer Verbündeter von Baschar al-Assad, nicht sehr gefallen. Auch wenn Trump Sympathie für Vladimir Putin geäußert hat: spätestens hier würde die vermeintliche Männerfreundschaft zwischen Mr. Trump und Herrn Putin abrupt enden und in einen handfesten Konflikt ausarten. Da Donald Trump, wie Greg Stillson in Stephen Kings “The Dead Zone”, Probleme hat, seine Aggressionen zu zügeln, könnte dieser Konflikt sehr schnell in einen nuklearen Krieg ausarten. Darüber hinaus dürfen wir nicht unterschätzen, dass die mangelnde außenpolitische Erfahrung eines Präsidenten Trump von weitaus intelligenteren und gerissenen Falken im Weißen Haus ausgenutzt würde – selbst wenn Mr. Trump keinen Atomkrieg wollte, wäre er nur eine Marionette.

Kommen wir nun zur Frage zurück, ob Stephen Kings Furcht vor einem Präsidenten Trump begründet ist und ob es unter ihm zu einem Atomkrieg kommen könnte

Ein klares Ja”. Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs steigt unter einem Präsidenten Trump dramatisch. Seine Marschroute ist klar: Angst schüren, Präsident werden, IS mit Nuklearwaffen bekämpfen koste es auch die Sicherheit Europas , die USA von der Welt abschotten. In einem weltpolitischen Klima des Terrors ist es nur eine Frage der Zeit, bis Mr. Trump als US-Präsident überreagieren würde. Ein Präsident Trump im Besitz des Nuklearkoffers ist somit ein Alptraum. Es ist unwahrscheinlich, dass es nur ein Alptraum bleibt. Am 9. November, wenn alle Stimmen ausgezählt sind, wissen wir, ob die Angst über die Vernunft der Amerikaner gesiegt hat.

Stephen Kings Roman endet damit, dass Johnny Smith während einer Wahlkampfveranstaltung auf Greg Stillson schießt. Doch er verfehlt ihn. Stillson schnappt sich ein Kind und benutzt es als Schutzschild. Pressefotografen dokumentieren diesen Akt der Feigheit, die ihn schließlich politisch zu Fall bringt. Doch Johnny Smith wird von Sicherheitskräften getötet. Er opferte sich für die Zukunft der Menschheit.

Es bleibt stark zu bezweifeln, dass es nach der Wahl von Donald Trump zu einem ähnlichen Happy End käme.

© Daniel Gerritzen 

Dienstag, 24. Mai 2016

Gastbeitrag Douglas Preston: Tief im Wald

Im Jahr 1950 fragte der italienisch-stämmige Physiker Enrico Fermi bei einem Mittagessen in der Forschungseinrichtung von Los Alamos in New Mexico seine Kollegen Edward Teller, Emil Konopinski und Herbert York: „Wo sind sie alle?”
Fermi bezog sich mit dieser einfachen Frage auf den folgenden Gedanken: Wenn unsere Galaxis bereits vor Jahrmillionen von fortgeschrittenen außerirdischen Zivilisationen kolonisiert wurde, müssten ihre Raumschiffe inzwischen auch die Erde erreicht haben. Fermi sah in UFO-Sichtungen keinen Beweis für die Anwesenheit von außerirdischen Zivilisationen. Weil wir Außerirdische nicht sehen, so Fermi, existierten sie auch nicht.

Der britische Physiker Stephen Webb von der Londoner Open University fasste 50 Lösungen für Fermis Frage zusammen, warum wir Außerirdische bislang nicht entdeckt haben. Seine Erklärungen reichen von der Möglichkeit, dass Außerirdische unerkannt unter uns weilen könnten, bis zur Tatsache, dass unsere Galaxis durch Supernova-Explosionen, schwarze Löcher und Ausbrüche von
Röntgenstrahlen ein sehr gefährlicher Ort ist, der die Entstehung von Leben nicht begünstigt.

Stephen King, der in seinen Romanen Tommyknockers und Dreamcatcher ziemlich unangenehme Erstkontakt-Szenarien skizziert, zieht Antwort Nr. 27 aus Stephen Webbs Katalog vor: „Über 50 Jahre belauschen wir die Sterne nach Hinweisen für Leben. Bis jetzt hören wir nichts als Schweigen. Wenn man sich heute all die Konflikte in der Welt ansieht und darüber nachdenkt, dass unsere technologischen Kenntnisse die Fähigkeit, unsere Emotionen zu kontrollieren, längst überholt haben – man sieht es gerade beim Islamischen Staat –, wie sieht dann die Lösung aus? Die einzige Lösung, die wir sehen, ist, diese Vollidioten zu bombardieren, so dass sie einfach nicht die Welt überrollen können. Und das ist das Gruselige an diesem Schweigen: Vielleicht erreichen alle intelligenten Lebewesen dieses Stadium der Gewalt und des technologischen Fortschritts – und kommen nicht darüber hinaus. Sie löschen sich selbst aus. Man fährt vor die Wand – und das war’s.
(Rolling Stone Magazine, Oktober 2014)

Dieses kosmische Schweigen nannte der amerikanische Physiker und Science fiction-Autor David Brin die „große Stille”. 1983 untersuchte er einige mögliche Ursachen für die „große Stille in seinem wegweisenden Aufsatz „The Great Silence”. Brin vergleicht die junge Menschheit mit einem Baby, das in einer Wiege schläft. Das Kindermädchen ist absichtlich ruhig, um nicht die schönen Träume des Kindes zu stören. David Brin zeigt aber noch eine andere Möglichkeit auf,
die Antwort 22 in Stephen Webbs Katalog zur berühmten Frage Enrico Fermis entspricht: Außerirdische Robotsonden, die der Science fiction-Autor Fred Saberhagen Berserker nannte, entdecken die Radiosignale junger Zivilisationen und vernichten sie, um unliebsame Konkurrenten auszulöschen. Daher ist die Galaxis so still wie sie jetzt erscheint. Viele Zivilisationen sind bereits vernichtet, so wie es Greg Bear in seinem Roman Schmiede Gottes auf so eindringliche Weise schildert. Die Erde könnte das nächste Ziel sein, da die Menschheit tagtäglich Radio-, Fernseh- und Radarsignale ins All sendet. Brins „große Stille” ist demnach die Ruhe vor dem Sturm. Die Ungeduld vieler SETI-Wissenschaftler, die den Kontakt herbeisehnen, könnte bald bitter bestraft werden.

Douglas Preston
© Christine Preston
Was hat das nun mit Angst zu tun? Die Antwort ist simpel: Die Wissenschaftler, die SETI betreiben und nach Radiosignalen von Aliens suchen, verdrängen ihre Urängste vor dem maximal Fremdartigen und Unbekannten. Diese Ängste sagen ihnen eigentlich, dass der Erstkontakt unangenehmer ausfallen wird, als sie sich das in ihren romantischen Wünschen ausmalenSie sollten auf ihre Ängste hören.
Ich
debattierte mit Douglas Preston über Fermis Frage. Doug schickte mir seine Antwort in Form eines Prosa-Gedichts, das er Tief im Wald nannte. Es würde dem ebenfalls in Maine lebenden Stephen King, dem Großmeister der Angst, sehr gefallen...




Tief im Wald

Das Weltall ist zu gewaltig als dass es
kein intelligentes Leben in ihm gibt.

Häufig oder selten
,

es ist da.
 
Ich zog durch die tiefen Wälder Maines,
durch dunkle Fichtenhaine.
Diese Wälder scheinen friedvoll zu sein,
still, leer und scheinbar leblos,
doch dort versteckt sich Leben,
Leben gegen Leben, gefangen im verzweifelten Kampf,
Natur mit rotem Schlund und wilden Klauen.
Diese Wälder sind nicht friedvoll.


© Daniel Gerritzen
Der Tod wartet überall
auf die unvorsichtige Maus,
auf die Schlange,
auf den Käfer,
auf das zitternde Rehkitz.
Diese Wälder sind trügerisch.

Während ich durch das Unterholz gehe,
senkt sich Schweigen über den Wald.
Die Maus zittert unter dem Laub,
der Salamander gräbt sich in den Moder,
die Schlange flieht durch das schweigende Gras.
Nur das übermütige Rebhuhn bricht aus der Kette aus
und stürzt, von Schrot getroffen,
gebrochen und blutend zu Boden.

Auch unser Weltall scheint friedvoll zu sein,
still, leer und scheinbar leblos.
Wir lauschen mit SETI, und wir hören nichts.
Laute Stille liegt über den tiefen Wäldern.
Wir sind das Rebhuhn,
das aus seiner Kette ausbricht.

Douglas Preston



Mein Dank gilt Douglas Preston. Copyright der deutschen Übersetzung:
Daniel Gerritzen

Montag, 9. Februar 2015

Die Angst vor dem Ende des Grübelns

25. Januar 1988. Ich sitze vor dem Fernseher und sehe mir bei Kartoffelchips und Limo im ZDF einen Film mit dem Titel „Die Bombe” an (und versuche, die morgige Mathearbeit zu verdrängen). Michael Degen spielt hier einen Terroristen, der als stellvertretender Sicherheitschef eines Atomkraftwerks an spaltbares radioaktives Material gelangt ist und damit im heimischen Keller eine Atombombe gebaut hat. An einem Sonntagmorgen stellt er die selbstgebastelte Waffe auf dem Hamburger Rathausplatz auf und fordert, dass die illegale Herstellung und geheime Lagerung von Plutonium in „seinem” Atomkraftwerk durch die deutsche Bundesregierung sofort eingestellt wird.
Der Senat und die Sicherheitskräfte müssen sich eingestehen, dass sie hilflos sind gegenüber der raffinierten technischen Vorrichtung der Bombe, die von dem Täter in kurzen Abständen neu eingestellt werden muss, um nicht zu detonieren. Doch er lässt sich nicht von den fingierten Nachrichtenmeldungen beirren, die angeblich belegen, dass die Regierung seine Forderungen erfüllt. Fassungslos muss ich mit ansehen, dass es den Politikern und Sicherheitskräften nicht gelingt, die immer dramatischer werdende Situation zu lösen. Der Countdown läuft. Wird Hamburg dem Erdboden gleichgemacht? Geschieht das Unfassbare? Fest steht für mich beim Ansehen des Films, dass dieser Bombenbauer von Hamburg ein Terrorist ist, denn er stellt eine politische Forderung. 


Die Bombe von Lars Molin, 1982
© Rowohlt Verlag
Der Film des Regisseurs Christian Görlitz basiert auf dem Roman „Die Bombe” des inzwischen verstorbenen schwedischen Autors Lars Molin. In Molins Roman stellt ein ehemaliger Angestellter eines Atomkraftwerks die selbstgebaute Bombe in Stockholm auf. Was im Film nur angerissen wird, erhält im Buch eine viel tiefere Dimension: die Psyche des Täters. Im Buch rächt sich der Mann für eine gescheiterte Beziehung, für Mobbing durch seine Kollegen. So ist seine Tat nur die vermeintliche logische Konsequenz seiner Wut auf diejenigen, die ihn gedemütigt und geschmäht haben. Er ist ein Ausgestoßener. Er sucht sich sein zerstörerisches Ventil in Form der Bombe – je abstrakter die Tötungsform, umso geringer ist der Skrupel, die Waffe einzusetzen. Fest steht für mich nach der Lektüre des Romans, dass der Bombenbauer von Stockholm das Psychogramm eines Amokläufers aufweist, denn er rächt sich an seinen Peinigern. Angesichts der zwei unterschiedlichen Motive im Film und im Roman stellt sich nun jedoch die sehr spannende Frage, wie sich das Psychogramm eines Terroristen von dem eines Amokläufers unterscheidet. 

Der Begriff „Amok” leitet sich von dem malaiischen Wort „mengamuk” ab und bedeutet so viel wie „verrückt werden”. Psychologen vermuten, dass ein Amoklauf das Resultat einer sogenannten „dissoziativen Störung” sein könnte. Das Bewusstsein des Betroffenen spaltet – dissoziiert – sich von den Sinneseindrücken ab. Ein Beispiel: Das Bewusstsein eines Yogis auf dem Nagelbrett ist dissoziiert von seinen Empfindungen, denn sein Geist blendet den Schmerz aus. Aber auch das Bewusstsein eines Amokläufers ist dissoziiert, denn er hat in seiner Wut auf die Personen, die ihn gedemütigt haben, keinen Blick mehr für die tragischen Folgen seines Handelns. Er ist berauscht von der Macht der Waffen und der Angst seiner Opfer. Es entsteht in seinem Geist eine Art weißes Rauschen, das sich erst nach der Tat auflöst, so als ob er plötzlich einen Fernsehsender findet und ein klares Bild sieht. Wenn der Amokläufer das klare Bild – das von ihm angerichtete Blutbad – dann erkennt, stürzt die Realität auf ihn ein und er findet meistens keine andere Lösung, als sich selbst das Leben zu nehmen. Ich schreibe „der Amokläufer”, weil die Täter bis auf ganz wenige Ausnahmen männlichen Geschlechts sind.

Soziologische Studien belegen, dass „Amokläufer” meistens Außenseiter der Gesellschaft sind, die mit unterdrückten Aggressionen und einer verringerten Fähigkeit kämpfen, Konflikte friedlich zu lösen. Es mangelt ihnen meistens an Selbstbewusstsein, das nötig wäre, um sich gegen schwere Demütigungen zur Wehr zu setzen.
Üblicherweise geht im Gehirn des Amokläufers vor seiner Tat eine sehr lange und intensive Phase des Grübelns über die ihm widerfahrenen Demütigungen und Schmähungen voran.
Dieses Grübeln ist eine Form der Zwangsgedanken. Probleme und erfahrene emotionale Verletzungen werden immer wieder hin- und her gewälzt. Der potentielle Amokläufer sieht selbst nach Wochen oder Monaten des Grübelns über seine erlittenen emotionalen Verletzungen keine andere Lösung für das Problem, als den Tod der Personen, die ihm den Schmerz zugefügt haben. Nach dem Grübeln kommt die Phase des Planens. Der Täter kauft Waffen, Sprengstoff, tüftelt vielleicht Pläne aus, so viele Menschen wie möglich in den Tod zu reißen. Er plant einen Kampf gegen die personifizierten Demütigungen, nicht gegen Menschen. Die Menschen materialisieren sich erst in seinem Bewusstsein, wenn sie tot vor ihm liegen. Ein Amoklauf ist daher nie ein spontanes Ereignis – vielmehr plant der Täter sein Massaker äußerst minutiös, so wie Terroristen einen Anschlag.


Der Assassinen-Führer Hassan i-Sabah
© Public Domain
Ursprünglich ist der Amoklauf eine militärische Kriegstechnik. Malaiische Kämpfer versetzten sich vor dem Angriff in einen Drogenrausch und richteten dann durch ihr dissoziiertes Bewusstsein in den feindlichen Linien schreckliche Massaker an. Diese kriegerischen Amokläufer nahmen dabei ihren eigenen Tod in Kauf.
Die Akzeptanz des eigenen Todes durch einen Akt der mörderischen Raserei war auch im Mittelalter unter den Assassinen verbreitet. Die Assassinen waren eine Abspaltung von der islamischen Glaubensgemeinschaft der schiitischen Ismaeliten, die in Persien von der Burg Alamut aus unter der Führerschaft von Hassan i-Sabah (1034–1124 n. Chr.) und später in Syrien unter dem „Alten vom Berge”, Raschid ad-Din Sinan (1133–1192), politische Morde verübten. Dabei konsumierten die Mitglieder der Assassinen vor den Attentaten Drogen wie Haschisch, um ihr Bewusstsein von den Sinneseindrücken loszulösen. (Daher wahrscheinlich der Begriff „Assassine” als Synonym für einen „Meuchelmörder”, abgeleitet von „Hassasin” für „Haschisch-Esser”.) Auch die Assassinen nahmen ihren Tod in Kauf. Die ersten politischen Terroristen waren somit streng genommen Amokläufer, die durch Drogen ihre Angst vor dem Tod unterdrückten.


Amokläufer Seung-Hui Cho vor dem Massaker
am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg,
Virgina, 2007 © NBC News
Der Unterschied zwischen einem Amokläufer und einem Terroristen ist mithin eigentlich nicht existent, wie jüngst der Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebo in Paris zeigt. Zwei mit automatischen Waffen ausgerüstete islamistische Terroristen stürmten am
7. Januar 2015 in die Büroräume der Zeitschrift und erschossen 12 Menschen. Die Tat gleicht von ihrem Hergang den Amokläufen wie etwa an der Columbine Highschool in Colorado im Jahre 1999 (13 Tote), am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt im Jahre 2002 (15 Tote) oder am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg, Virginia, im Jahre 2007 (32 Tote). Allen Schulmassakern gemeinsam war, dass die Amokläufer glaubten, von ihren Mitschülern, Mitstudenten und vom Lehrpersonal schwer gedemütigt worden zu sein. Die Terroristen von Charlie Hebo fühlten sich ebenso gedemütigt: Sie sahen sich und den Islam durch die Karikaturen des Propheten Mohammed verletzt.


Der französische Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard sprach im Angesicht der Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center von einer neuen Qualität des Terrorismus. Die Qualität bestehe in der Asymmetrie. Mehrere Männer können Flugzeuge entführen und sie in neuralgisch bedeutende, „weiche Ziele” fliegen. Aus terroristischer Sicht waren die Anschläge vom 11. September 2001 demnach eine besonders zufriedenstellende Ausbeute in Bezug auf die Opferzahlen und den Symbolgehalt der Tat: Die Türme und damit auch die Macht der USA fielen, fast 3000 Menschen starben. Der Beginn eines Kampfes der Mächtigen gegen Terroristen begann, die unter uns „schlafen” und jederzeit „aktiviert” werden können wie Killerroboter.

Jean Baudrillard © Public Domain
In Der Geist des Terrorismus schreibt Jean Baudrillard: „[...] Es ersteht ein phantomhafter Feind, der sich über den ganzen Planeten ausbreitet, wie ein Virus überall einsickert und in sämtliche Ritzen der Macht dringt. Der Islam. Doch ist der Islam nur die bewegliche Front, an der dieser Antagonismus Gestalt annimmt. Dieser Antagonismus ist überall und er ist in jedem von uns. Terror gegen Terror also. Asymmetrischer Terror jedoch. Und es ist gerade diese Asymmetrie, die die weltweite Allmacht völlig wehrlos dastehen läßt. Mit sich selbst im Konflikt, kann sie sich nur auf ihre eigene Logik der Kräftebeziehungen einlassen, ohne auf dem Feld der symbolischen Herausforderung und des Todes mitspielen zu können, von denen sie keinerlei Vorstellung mehr hat, da sie diese aus ihrer eigenen Kultur gestrichen hat.”

Was passiert hier nach dem Massaker von Charlie Hebdo? Wir erleben im  Terrorismus eine Wiedergeburt der Mordphilosophien der Assassinen und der malaiischen Amokkämpfer. Die Drogen der Kämpfer zur Zeit des Mittelalters sind heutzutage einer politisierten Form des Amoklaufs gewichen. Terrororganisationen und extremistische Gruppen erhalten regen Zulauf von meist jungen Männern, die bisher im Leben versagt haben und als Individuen vor den Herausforderungen des Lebens resignieren. Sie suchen die Stärke der Gruppe und den Machtrausch durch Waffengewalt. (Ein Grund, warum das Nazi-Regime so mächtig werden konnte, ist die Tatsache, dass die Führungsriege um Adolf Hitler aus gesellschaftlichen Versagern bestand, die glaubten, von Juden zutiefst gedemütigt worden zu sein. Ihr Amoklauf bestand aus dem Holocaust.) Das Töten an sich ist die Droge und die Flucht aus der harschen Wirklichkeit. Ob nun Terrorist oder Amokläufer: ihnen gemeinsam ist die gesellschaftliche Demütigung.
Auf der weltpolitischen Bühne erleben wir daher gerade das Ende dieses tiefen Grübelns, das einem Amoklauf vorausgeht. 


Schwarzer Regen
von Karl Olsberg, 2009
© Aufbau Verlag
Ein großer Anschlag, der die Dimensionen des
11. Septembers 2001 weit in den Schatten stellt, wird wahrscheinlich jetzt in diesem Moment von Terroristen irgendwo im stillen Kämmerlein geplant. Die potentiellen Täter fühlen sich gedemütigt durch Kritik an ihrem kruden Weltbild oder Glaubenskonstrukt. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis Mitglieder irgendeiner fanatischen Glaubensgemeinschaft oder unbelehrbaren politischen Gruppe eine Nuklearbombe in einer großen Stadt wie etwa Berlin, London oder New York zünden.
(Denken wir an den geistig verwirrten Attentäter Anders Breivik, der am
22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Ut
øya 77 Menschen ermordete, weil er sich durch den Islam bedroht und gedemütigt fühlte. Für ihn machten 77 oder 1 Millionen Tote keinen Unterschied mehr. Hätte er eine Nuklearbombe zur Verfügung gehabt – er hätte sie vermutlich gezündet.)
Die potentiellen Täter werden die Bombe nicht selbst bauen müssen, wie der Attentäter in Lars Molins „Die Bombe”. Denn Sprengköpfe aus den Beständen der ehemaligen Sowjetrepubliken dürfte es inzwischen genug geben auf dem Schwarzmarkt, wie der Hamburger Autor Karl Olsberg in seinem schockierenden Thriller Schwarzer Regen anmahnt.


Zurück zum 25. Januar 1988. Die Chipstüte ist alle, meine Fingernägel müssen als Knabberartikel herhalten. Auch die Limonadenflasche ist leer. Der Countdown im Film „Die Bombe” ist inzwischen fast abgelaufen. Die Politiker fanden keine Lösung. Hamburg musste schnell evakuiert werden. Zu sehen sind noch einmal die Alster, der Michel, die leere Innenstadt, das Rathaus, der Hafen.
Drei, zwei, eins...
Dann wird der Bildschirm schwarz. Der Abspann beginnt und ich hoffe, morgen wird es in der Schule viel zu diskutieren geben (das zumindest ist spannender als Mathe). Doch der Film geht eigentlich noch weiter. Man sieht, wie die Alster verdampft und Hamburg durch die Nuklearbombe dem Erdboden gleichgemacht wird. Die Folgen dieses unfassbaren Verbrechens wurden jedoch herausgeschnitten, weil das ZDF die Szenen vor dem Sendetermin als zu heftig empfand für die deutschen Zuschauer des gediegenen Abendprogramms.

Sollte das Szenario aus Lars Molins „Die Bombe” irgendwann
wirklich geschehen, wird kein Fernsehsender das Grauen herausschneiden können.

PS: „Die Bombe”
wurde übrigens nie wieder gesendet...

© Daniel Gerritzen

Mittwoch, 21. Januar 2015

Die Angst vor dem Kontrollverlust

Am Freitag, den 5. Oktober 2007 sitze ich im Wohnzimmer und entspanne mich bei ein paar Takten Musik von einem harten Arbeitstag. Da es schon nach Mitternacht ist und ich meine Nachbarn nicht aus dem Bett holen will, dringen die schönen Melodiebögen und atemberaubenden Tempiwechsel meiner Lieblingsband RUSH nur mit sehr moderater Lautstärke aus den 100-Watt-Boxen meiner alten Stereoanlage. Tatsächlich ist die Musik recht leise. Um ehrlich zu sein, muss ich ständig dem starken Drang widerstehen aufzustehen und die Musik lauter zu stellen (was angesichts der Genialität der drei Kanadier, insbesondere des Schlagzeugers Neil Peart, nicht einfach ist).

Neil Peart 2011 © Daniel Gerritzen
Während ich also dem Song Subdivisions (vom Album „Signals”) lausche und mein Blick die Stereoanlage etwa zwei Meter fünfzig von mir entfernt streift, geschieht etwas sehr Unheimliches. In diesem Moment hämmert mein Herz wie wild los. Auf meinem gesamten Körper erscheint eine Gänsehaut. Ich sehe, dass sich der Lautstärkeregler aus unerfindlichen Gründen selbst dreht. Die Musik wird plötzlich lauter. Ich stürze zur Stereoanlage und halte den Knopf fest.
Was ich nun fühle, grenzt an Panik. Denn ich habe das Gefühl, dass jemand – oder etwas – gegen meine Kraftanstrengung den Lautstärkeregler aufdreht. Die Finger meiner Knöchel werden weiß, so sehr versuche ich, die Lautstärke leiser zu drehen. Doch vergeblich. Die Musik wird lauter und lauter.


Ich drücke dagegen. Ich höre das Summen des Drehmotors. Ich frage mich, was ich tun kann, um diesem Spuk ein Ende zu bereiten. Der Strom, zuckt es durch mein Hirn. Ich wühle in der Verkabelung herum und reiße mit zitternden Fingern das Stromkabel aus der Anlage.
Die Musik verstummt jäh. Ich atme aus. Stille. Mein Herz pocht bis zum Hals. Für einen Moment stehe ich entsetzt vor der Anlage, um dann verstört meine rechte Hand von der warmen Metalloberfläche zu lösen.
„What the fuck...?”, rufe ich. 


Ich blicke mich um. Außer mir ist niemand im Wohnzimmer oder in der Wohnung. Ich frage mich, was möglicherweise diese vermeintliche Fehlfunktion ausgelöst haben könnte. Meine erste Theorie ist, dass sich die Gummiknöpfe der Fernbedienung, die auf dem Tisch vor mir liegt, irgendwie verhakt haben könnten, so dass der Knopf für die Lautstärke den Befehl für „Lauter” zur Anlage funkte. Ich untersuche die Fernbedienung. Aber zu meiner wachsenden Beunruhigung sehe ich, dass mit der Fernbedienung alles in Ordnung ist. Kein Knopf hakt oder ist verklemmt. Außerdem habe ich die Lautstärke in der letzten Stunde nicht verändert. Warum sollte dann ausgerechnet jetzt ein verhakter Knopf den Befehl für „Lauter” gesendet haben? 

Diese Theorie kann ich verwerfen. Dann erinnere ich mich. Im Oktober 2003 hatte ich ein ähnliches Erlebnis bei Umzugsvorbereitungen gehabt. Auch damals war ich allein in meiner Wohnung gewesen, umgeben von Umzugskartons. Damals hatte sich die Stereoanlage von selbst eingeschaltet (sie ist definitiv nicht programmierbar). Anschließend hatte sich der Lautstärkeregler ohne erkennbare Ursache lauter gedreht – und mir einen Riesenschrecken eingejagt. Was ich damals als Fehlfunktion eingestuft hatte, stellt sich jetzt als wiederkehrendes Phänomen heraus. Zwischen beiden Ereignissen liegen vier Jahre. Vier Jahre, in denen sich nichts Unheimliches dieser Kategorie ereignet hatte.


Das IGPP in der Wilhelmstraße in Freiburg i.Br.
© Public Domain
Abgesehen von diesen Begebenheiten (und den mysteriösen Umständen vom 6.6.2006) habe ich bis heute, Stand: März 2015, keinerlei außergewöhnliche Erfahrungen mehr gemacht. Meine Stereoanlage arbeitet bis heute fehlerfrei (wie man es von japanischer Technik erwarten kann). Nach den Erlebnissen der vergangenen Jahre frage ich mich heute, ob ich allein bin. Meine Recherche förderte Erstaunliches zutage: So kommt eine empirische Studie des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg i. Br. aus dem Jahr 2002 auf der Basis einer repräsentativen Umfrage unter 1510 Personen zu dem Schluss, dass derartige Phänomene alltäglich und weit verbreitet sind in der deutschen Bevölkerung. Mehr als 50 Prozent der Befragten berichteten, dass sie einmal Phänomene wie Vorahnungen oder Wahrträume am eigenen Leib erfahren hätten. Besonders interessant ist die Tatsache, dass die Erfahrung außergewöhnlicher Erlebnisse mit dem Alter anscheinend abnimmt. Je jünger Menschen sind, umso häufiger machen sie diese Erfahrungen. Dabei sind die Erlebnisse unabhängig vom Bildungsgrad, der Herkunft, dem Geschlecht oder etwa der Religion.

Fazit: Anomalistische Phänomene sind real existent. Laut Studie des IGPP treten diese Ereignisse stets spontan auf. Die mangelnde wissenschaftliche Reproduzierbarkeit ist auf den ersten Blick der Grund, warum die akademische Welt – abgesehen von den wenigen mutigen Psychologen und Soziologen – diese Erfahrungen nicht weiter erforscht. Der wahre Grund jedoch ist die Angst vieler Wissenschaftler vor dem absoluten Kontrollverlust. Kontrollverlust deshalb, weil Träume, die plötzlich wahr werden oder Stereoanlagen, die grundlos lauter werden, nicht erklärbar sind. Die Nichterklärbarkeit würde die Kompetenz und den Erfahrungshorizont der Wissenschaftler auf sehr harsche Weise an ihre Grenzen stoßen lassen. Die Folge wäre das Eingeständnis der Hilflosigkeit gegenüber diesen Phänomenen, die die experimentelle Parapyschologie in zwei Kategorien unterteilt: 


1. den kognitiven Aspekt, der die mentalen Prozesse im Gehirn des Menschen betrifft und etwa Telepathie, Fernwahrnehmung oder Wahrträume umfasst und 

2. den motorischen Aspekt, d.h. die Frage, ob Menschen mit der Kraft ihrer Gedanken Materie beeinflussen können (Psychokinese). 

Dabei könnte es eine natürliche Erklärung für das merkwürdige Verhalten meiner Stereoanlage geben. Starke Temperaturschwankungen innerhalb der Transistoren hätten dafür sorgen können, dass die Stereoanlage lauter wurde. Jemand hätte sich mit einer Infrarotfernbedienung, die Befehle auf einer identischen Frequenz sendet, im Wohnzimmer meiner Wohnung verstecken können, um mich zu erschrecken. Ein Spannungsschock, ausgelöst durch den Einschlag eines Blitzes, hätte die Anlage lauter werden lassen können. Oder eine Oxidation der Kontakte hätte den Ein-Aus-Schalter bzw. den Lautstärkerregler verrückt spielen lassen können.
Aber: Die Anlage war keiner starken Temperaturschwankung ausgesetzt. Ich war eindeutig allein in meiner Wohnung. Auch ein Blitzeinschlag hätte nicht nur die Stereoanlage zerstört, sondern vielleicht sogar meine Wohnung in Brand gesetzt. Selbst eine Oxidation der Kontakte für den Ein-Aus-Schalter bzw. des Lautstärkerreglers scheidet aus, denn die Anlage wurde in Japan aus rostfreien elektronischen Komponenten konstruiert. Und japanische Techniker machen äußerst selten Fehler.


William von Ockham
© Public Domain
Das auf den angelsächsischen Franziskanermönch William von Ockham (1288–1347) zurückgehende „Rasiermesser” besagt, dass a) von mehreren Erklärungsmöglichkeiten die einfachste zu bevorzugen ist und b) eine Theorie zur Erklärung eines Ereignisses so wenig wie möglich logische Brüche und Widersprüche enthalten darf. So war die einfachste Erklärung für Ockham immer die richtige. In anderen Worten: Es ist wahrscheinlicher, dass ein übermüdeter Ingenieur einen Putzlappen in einer sensiblen Stelle der Treibstofftanks des Space Shuttle Challenger vergaß, als dass libysische Terroristen im Auftrag von Muhammar al-Gaddafi die Raumfähre zur Explosion brachten. Warum? Weil es mit weniger kausalem Aufwand verbunden ist, einen Putzlappen zu vergessen, als eine Verschwörung libyscher Terroristen zu bemühen, deren Ziel es war, das Space Shuttle kurz nach dem Start am 28. Januar 1986 in die Luft zu sprengen.

Doch bei mindestens einem weiteren Fall versagt Ockhams Rasiermesser ebenso. Michael Shermer, ein experimenteller Psychologe an der Claremont University in Kalifornien und Gründer der Zeitschrift Skeptic, scheint etwas Ähnliches erlebt zu haben wie ich. Normalerweise ist der bekennende Atheist und gnadenlose Skeptiker bekannt dafür, alle anomalistischen Ereignisse, die von Menschen in aller Welt berichtet werden, mit Hilfe des rationalen Verstands und Ockhams Rasiermesser zu erklären. In seiner Kolumne für das angesehene Wissenschaftsmagazin Scientific American berichtete Shermer, dass seine aus Köln stammende Ehefrau Jennifer, die er im Juni 2014 heiratete, bei ihrem Einzug in Beverly Hills ein altes Radio von ihrem Großvater mitbrachte. Mehrere Versuche Shermers, das Radio mit neuen Batterien oder durch eine Reparatur in Betrieb zu nehmen, schlugen fehl. Seines Erachtens war es eindeutig defekt. Selbst „Draufhauen” half nicht mehr, um irgendwelche Wackelkontakte kurzzeitig wieder zu schließen, wie er in seinem Artikel ausführt. So steckten die Shermers das Radio in den hinteren Winkel der Schublade ihres Schreibtisches im Schlafzimmer. Entsorgen wollten sie es nicht, da das Radio einen zu hohen ideellen Wert für Jennifer Shermer hatte. 


Michael Shermer © Public Domain
Das Unerklärliche geschah drei Monate später, als Jennifer Shermer ihrem Mann gerade beichtete, dass sie ihre deutschen Freunde und ihren Großvater vermisse. In diesem Moment erklang Musik aus einem hinteren Teil des Hauses, genauer, dem Schlafzimmer. Nachdem die Shermers ihre I-Phones, Notebooks und sogar den Drucker auf dem Schreibtisch kontrollierten, mussten sie feststellen, dass die Musik von dem defekten Radio ausging. Es funktionierte plötzlich wieder. Es spielte einige Stunden – seitdem schweigt es.

Die Erklärung nach Ockhams Rasiermesser würde lauten, dass sich irgendein Kontakt kurzzeitig geschlossen hatte, sodass das Radio wieder funktionierte. Oder Michael Shermer hat den Vorfall von langer Hand geplant, um irgendwann sein erzkonservatives Skeptikertum ablegen zu können. Dagegen spricht natürlich, dass sich Michael Shermer mit seinem Eingeständnis, Zeuge eines solch unerklärlichen Vorfalls geworden zu sein, öffentlich lächerlich machen würde.

Doch das Gegenteil ist nun der Fall: Das Ereignis hat Michael Shermers skeptische Sichtweise so sehr verändert, dass er nun für eine agnostische Sicht auf unerklärliche Ereignisse plädiert. Der naturwissenschaftliche Geist, so Shermer, müsse offen sein für das Rätselhafte und Unerklärliche.


Es gibt keinen Beweis dafür, dass Shermers Ereignis stattgefunden hat, nur zwei Zeugenaussagen. Aber ich glaube Michael Shermer, weil ich Ähnliches erlebt habe. Andererseits denke ich nicht, dass der Shermer-Vorfall irgendetwas mit dem Jenseits und Jennifer Shermers Großvater zu tun hatte, sondern vielmehr – wenn sich keine natürliche Erklärung ergibt – mit psychischer Externalisierung von Stress. Im Falle von Michael Shermers Frau Jennifer ist das Stressmoment klar benannt: sie vermisste ihren Großvater und hatte starkes Heimweh nach Deutschland. Somit war es kein übernatürliches, sondern vielleicht ein parapsychologisches motorisches Ereignis der Kategorie 2 (Psychokinese). Aber das ist Spekulation. Es bleibt ein anomalistisches Ereignis. Es ist nicht erklärbar – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Charles Fort © Public Domain
Der amerikanische Schriftsteller und Sammler von unerklärlichen Vorfällen, Charles Fort, bezeichnete diese Phänomene in seinem 1932 erschienenen gleichnamigen Klassiker schlicht als Wilde Talente. Meine Erlebnisse gehören, wie Shermers Erlebnisse, in die Kategorie 2 – und bislang habe auch ich keine Erklärung dafür. Habe ich ein „wildes Talent”? Haben die Shermers ein „wildes Talent”?

Ich glaube nicht. Und dennoch ist da etwas, das sich meinem und Michael Shermers Wahrnehmungshorizont entzieht. Wie Shermer, so bin auch ich nun offen für das Rätselhafte (Schriftsteller leben davon...), behalte mir jedoch meine Skepsis und die Möglichkeit einer orthodoxen Erklärung vor. Ich habe keine Angst vor dem Kontrollverlust.

© Daniel Gerritzen