Donnerstag, 21. August 2014

Die stille Invasion der Giftspinnen

Stephen King äußert sich in Interviews häufig über seine Ängste. Der Meister des Horrors betrachtet Spinnen als die schrecklichsten, weil fremdartigsten Kreaturen auf diesem Planeten. Nichts würde ihn so sehr ängstigen, wie Spinnen. Dabei sollte nicht nur Stephen King beim Bananenkauf genauer hinsehen. Im April 2014 konnte die giftigste Spinne dieses Planeten, die Wanderspinne, in einem Oberhausener Discounter aus einer Bananenkiste entkommen. Der Supermarkt wurde abgesperrt, die Spinne mit Ködern gelockt, bis sie eingefangen werden konnte. Im Juni 2014 entdeckte eine Frau in Bochum eine Wanderspinne in einer Bananentüte. Ein mutiger Nachbar der Frau fing das Exemplar mit einem Marmeladenglas ein und übergab es der Polizei. Tatsächlich ereignen sich solche Vorfälle nicht selten.

Wanderspinne © Public Domain
Die grau-braunen, kurzbehaarten Wanderspinnen können einen Körperumfang von 5 cm bei einer Beinspannlänge von 15 cm erreichen und sind eigentlich in den Tropen Südamerikas beheimatet. Wanderspinnen heißen deshalb so, weil sie nachtaktive Jäger sind und nicht passiv in einem Netz auf ihre Opfer lauern. In Brasilien verstecken sie sich häufig in dunklen Häusernischen, in Kleiderschränken – oder eben Bananenstauden. Fühlen sich Wanderspinnen bedroht, reagieren sie sehr aggressiv. Ihr Biss kann schwere Vergiftungen auslösen, die dauerhafte Nervenschäden oder sogar den Tod zur Folge haben können. Für manchen Mann ist der Biss der Wanderspinne schlimmer als der Tod, denn das Gift führt bei den Betroffenen zu einer äußerst schmerzhaften Dauererektion (Priapismus). Die Penisschwellkörper erschlaffen dauerhaft, so dass eine lebenslange Impotenz die Folge ist.

Dabei ist die Angst vor Spinnen nur bei den wenigen Spezies gerechtfertigt, die dem Menschen durch ihren giftigen Biss gefährlich werden können. Beispiele sind etwa die oben erwähnte Wanderspinne oder die schwarze Witwe. Es muss jedoch etwas anderes sein, das viele Menschen panisch auf Stühle steigen und laut kreischen oder manch gestandenen Mann voller Abscheu zum Fernsehmagazin greifen lässt, um einer Spinne den Garaus zu machen. Ja, warum löst der Anblick einer behaarten Vogelspinne in einer Fernseh-Dokumentation bei manchem Spinnenphobiker die klassischen Angstsymptome wie Herzrasen, schockartig geweitete Pupillen oder Schweißausbrüche aus? Und das, obwohl die Spinne physisch nicht anwesend ist? Warum können manche Menschen nicht einschlafen, weil ein haariger, achtbeiniger Zeitgenosse dem tödlichen Schlag mit dem Taschenbuch entkommen konnte und sich nun irgendwo im Schlafzimmer versteckt?


Die Psychologie kennt keine einzige Erklärung dafür. Vielmehr sind es verschiedene Erklärungsansätze gleichzeitig, die diskutiert werden. Fangen wir mit der Erklärung an, die uns an Stephen Kings Aussage erinnert: Spinnen weichen sehr stark von unserem menschlichen Erscheinungsbild ab. Der Mensch hat zwei Beine, Spinnen acht. Die andersartige Physis lässt Spinnen für menschliche Augen sehr fremdartig erscheinen. Der Angstreflex nimmt proportional zur Größe und Behaarung der Spinne zu: Ein Weberknecht entlockt auch manchem Spinnenphobiker nur ein müdes Achselzucken, während die Sache schon anders aussieht bei einer großen Winkelspinne (ca. 6 cm Beinspannlänge), einer Tarantel (ca. 10 cm Beinspannlänge) oder gar einer Goliath-Vogelspinne (ca. 30 cm Beinspannlänge).


Eine zweite Erklärung ist die unberechenbare Bewegung und die plötzliche räumliche Nähe einer Spinne zu einem Menschen. Das Unerwartete gepaart mit dem Fremdartigen ist hierbei besonders beängstigend oder gar erschreckend. Die dritte Erklärung ist der anerzogene Ekel. Kinder entwickeln dann Angst vor Spinnen, wenn ihre Eltern dieses Angstmuster, das sie selbst durch ihre eigenen Eltern erfahren haben, unbewusst auf den Nachwuchs weitergeben. Eingeborene z.B. in den Urwäldern Indonesiens fürchten sich nicht vor Spinnen, wissen jedoch aus Erfahrung, wann eine Spinnenart gefährlich werden kann und meiden diese Spezies dann.


Plausibler ist jedoch folgende Erklärung: Wie ich in meinem Blogeintrag „Der Mensch ist die Angst” gezeigt habe, steckt in uns die genetische Angstinformation vieler traumatischer Erlebnisse der Menschheitsgeschichte. Zu diesen traumatischen Erlebnissen zählt die Ur-Begegnung eines prähistorischen Menschen in der afrikanischen Savanne oder im asiatischen Dschungel mit einer besonders großen Spinnenart. Spinnen waren vor Jahrmillionen größer, giftiger und gefährlicher. Das archetypische Ur-Ereignis eines Spinnenangriffs auf einen Hominiden erzeugte daher das Angstmuster: alles Fremdartige (acht behaarte Beine) und Unerwartete (plötzliches Auftauchen, schnelle Bewegungen) kann tödlich sein. Die Spinne repräsentiert den plötzlichen Tod. Dieses Muster übertrug sich bis in die heutige Zeit. Spinnen sind daher für Phobiker selbst dann erschreckend, auch wenn ihr Biss nicht gefährlich ist, wie etwa im Falle der Goliath-Vogelspinne.

Dieses Angstmuster wird weiter über die Generationen vererbt, unter anderem durch Funde von Wanderspinnen in Bananenkartons in Supermärkten – hierzulande, wie auch beispielsweise in den USA. Solche Vorfälle nähren „urbane Mythen”, die sich im zivilisatorischen Denken verankern. Denn das Fremdartige, Unerwartete aus dem fernen Südamerika taucht plötzlich in den gemäßigten Breiten Deutschlands oder Neuenglands auf. Es ist demnach nachvollziehbar, warum eine stille Invasion der gefährlichen Wanderspinnen über importierte Bananenstauden dafür sorgt, dass der Mythos der tödlichen Spinne weiter im Unterbewusstsein der Menschen lauert. Stephen Kings Angst vor Spinnen ist daher nichts weiter als ein archaischer Schutzmechanismus. Er ist letztendlich menschlich. Und wichtig.


© Daniel Gerritzen

Freitag, 15. August 2014

Die Angst vor der inneren Dunkelheit

Mittwoch, 20. November 2013. Ein grauer, kalter Herbsttag. Stephen King ist in Hamburg. Zusammen mit einem Autorenkollegen fahre ich zum Kongresszentrum, wo King sein neues Buch Doctor Sleep, eine Fortsetzung von Shining, vorstellen wird. Schon während der Fahrt erstellen wir Top-10-Listen unserer liebsten Stephen-King-Romane. Und ich denke noch, wie sehr ich diesen Autor, manchen Roman von ihm und seine ehrliche und sympathische Art mag. In diesem Moment stelle ich mir die beängstigende Frage, wozu ein Fan fähig ist, der seinen Autor nicht nur mag, sondern abgöttisch liebt.

Ich spüre, dass meine Aufregung mit jedem zurückgelegten Meter wächst. Als erwachsenem Mann gehen mir solch pubertäre Fragen durch den Kopf, wie: Was ist, wenn King mich im Fotografengraben auf meine Kappe der Boston Red Sox anspricht? Werde ich dann zusammenbrechen vor Aufregung? Die Angst, dass ich in ein paar Stunden, um 20.00 Uhr im Kongresszentrum in Hamburg, den Moment meines Lebens verpassen könnte, nagt an meinem Verstand. Der Moment, in dem ich mit meiner Spiegelreflexkamera und dem Teleobjektiv das bestmögliche Portrait von Stephen King schießen kann. Und apropos „schießen”. Meine Gedanken über die Frage, wie sehr ein Fan sein Idol lieben kann, schweifen während der Fahrt plötzlich ab...

Erstausgabe Catcher in the rye
© Public Domain
Montag, 8. Dezember 1980. An diesem Tag wartet der fünfundzwanzigjährige Drucker Mark David Chapman vor dem Dakota Hotel in New York City auf John Lennon und dessen Frau Yoko Ono. Einen Tag zuvor hat er eine Paperbackausgabe von J.D. Salingers Roman Der Fänger im Roggen gekauft. Er kennt das Buch, das die traurige Geschichte des Teenagers Holden Caulfield und dessen Odyssee durch den New Yorker Großstadt-Dschungel beschreibt, in- und auswendig. Chapman ist Holden Caulfield. „This is my statement – Holden Caulfield”, schreibt er in das Buch hinein, das die Polizei nach dem tödlichen Attentat auf Lennon finden wird. Mark David Chapman ist zu diesem Zeitpunkt anscheinend so desillusioniert und einsam, wie Holden Caulfield.

Diese persönliche Identifizierung ist die höchste und auch zweifelhafteste Ehre, die ein Autor von einem seiner Leser bekommen kann. Im Falle von Chapman verwischte die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit – so wie in Kings Roman Misery. Denn Chapmans Ziel war es, durch den Mord an John Lennon zu Holden Caulfield zu werden. (Fragen Sie mich nicht, was John Lennon mit Holden Caulfield zu schaffen hatte – die Logik versteht nur Chapman.) Durch Lennons Tod wollte er aber J.D. Salingers Roman Der Fänger im Roggen unsterblich machen. Seines Erachtens hatte das Buch viel mehr Aufmerksamkeit verdient – und das, obwohl es sich zu diesem Zeitpunkt bereits viele Dutzend Millionen Mal verkauft hatte. Was Chapman ausfüllte, war die innere Dunkelheit, die gesellschaftliche Einsamkeit mancher Jugendlicher.

Doch: Ursprünglich wollte Chapman dem Autor Stephen King seine Ehrerbietung zuteil werden lassen. Denn Chapman bat Jahre vor dem Attentat auf John Lennon Stephen King darum, eine Ausgabe von Carrie zu signieren. Chapman verschonte Stephen King. Dafür streckte er John Lennon mit sechs Schüssen nieder.

Hamburg. Kongresszentrum. Ich lasse die Red-Sox-Kappe im Auto vor lauter Angst, dass Stephen King mich fragen könnte, wer mein Lieblingsspieler ist. Wir werden beim Einlass nicht auf Waffen kontrolliert. Diese Tatsache beunruhigt mich sehr. Mein Herz schlägt schmerzhaft schnell. Bei dem Gedanken, gleich meinem literarischen Vorbild zu begegnen, werden meine Knie weich. Meine Hände zittern. Mein Körper badet in Schweiß. Die Furcht, mit meiner Kamera nur verwackelte Bilder zustande zu bringen, lähmt beinahe meinen Verstand. Was ist, wenn ich durch meine Unfähigkeit keine würdige Erinnerung an dieses besondere Ereignis habe (denn ich bin mir bewusst, dass ich Stephen King in meinem Leben niemals persönlich wiedersehen werde). Wenn die Presseakkreditierung über Stephen Kings Verlag Randomhouse – der zufälligerweise auch mein Verlag ist – nur vergeblich war?

Ich blicke auf die Armbanduhr. Es ist kurz nach 20.00 Uhr. Ich stehe neben Dutzenden anderen Fotografen. Hinter uns sitzen mehrere tausend Menschen auf den Rängen. Einige Fotografen sehen mir verdächtig nach Attentätern aus. Vor allem der Typ von dieser großen Boulevard-Zeitung. Da! Tagesthemen-Sprecher Ingo Zamperoni kommt auf die Bühne. Er stellt Stephen King vor und gemahnt uns Fotografen daran, dass wir nur 2 Minuten haben. „Be quick or be dead!”, wie Bruce Dickinson von Iron Maiden singt.

Und dann betritt ER unter tosendem Applaus und Jubel der Fans die Bühne. Stephen King steht plötzlich vor mir. Leibhaftig. Etwa 1,50 Meter von mir entfernt. Ein älterer Mann im T-Shirt, Bluejeans, ergrauten schulterlangen Haaren, einem leichten Überbiss, vornüber gebeugt, aber dennoch groß. Auf seiner Nase eine Brille mit Gläsern so „dick wie Colaflaschenböden”. King strahlt in seiner Bescheidenheit eine erstaunliche Präsenz aus. Ich fotografiere, als ob es der letzte Moment meines Lebens ist.

„Mr.-Mr.-Mr. K-king!”, rufe ich.

Während Stephen King in meine Kamera lächelt, frage ich mich, was ich tun würde, falls ihn jetzt ein Irrer ermorden wollte. Der Attentäter könnte das jetzt tun. Er könnte ungehindert seine Waffe zücken.

Ich schieße, schieße, schieße. 100, 150, 200 Bilder.

Stephen King © Daniel Gerritzen
Was würde ich unternehmen, rast es durch mein Hirn? Ganz klar: Ich würde mich vor King werfen, um die Kugel abzufangen. Wenn ich überlebte, würde ich den Attentäter erschlagen – eigenhändig. Mit meiner Kamera. Sicher wäre mir Stephen King immer dankbar. Er würde mich vielleicht einladen zu sich nach Hause in Bangor, Maine. Vielleicht würden wir beste Freunde werden. Vielleicht würde er mir einen Roman widmen. Vielleicht würde er für mich einen Roman schreiben, so wie Paul Sheldon für Annie Wilkes in Misery...

Aber nichts passiert. Nur die Kameras schießen. Ingo Zamperoni verscheucht die Fotografen. Der Applaus legt sich. Die Show beginnt. Ich prüfe meine Fotos auf dem Display. Stephen King lächelt mich gestochen scharf bei perfektem Licht an. Ich bin glücklich über diesen schönen Moment.

Die Fotografie und mein Traum von meiner eigenen großen Karriere als Horrorautor reichen mir.

© Daniel Gerritzen

Freitag, 8. August 2014

Über die Irrationalität von Flugangst

Etwas gilt dann als irrational, wenn es dem „gesunden Menschenverstand” widerspricht. Wenn also z.B. eine bestimmte Angst unbegründet ist. Bestes Beispiel: Flugangst. Stellen wir uns einen Geschäftsmann vor, der von Düsseldorf nach New York fliegen muss. Er erbricht sich vor dem Flug vor Aufregung. Alle möglichen Horrorvisionen rauschen durch seinen Verstand. Er weiß, er muss sechs Stunden eingequetscht in seinem Sitz ausharren. 
Die Maschine startet. Der Schub der Düsentriebwerke drückt ihn in den Sitz. Seine Fingerkuppen graben sich so stark in die Armlehnen, dass die manikürten Fingernägel abbrechen. Schweiß durchtränkt seine Kleidung. Sein Herz rast. Die Atmung ist flach. Er spürt einen starken Druck in der Blase. Der Drang, das Flugzeug sofort zu verlassen, wird immer heftiger, je höher die Maschine steigt.
(In 10.000 Metern über der Erde ist das jedoch schwierig ohne Fallschirm.) Der Körper des Fluggastes ist von nun an sechs Stunden lang in Alarmbereitschaft. 

Wenig später tigert er im Gang auf- und ab. Seine Sorge: ist der Pilot nüchtern oder angesichts des Flugstresses „voll wie eine Strandhaubitze” und nicht mehr Herr seiner Sinne?

Seit 1945 sind insgesamt 2739 Flugzeuge abgestürzt. Statistisch betrachtet bedeutet das 39,6 Flugzeugunglücke pro Jahr weltweit. 771 Flugzeugunglücke ereigneten sich im Zusammenhang mit Maschinen der USA. Deutschland ist mit 58 weit abgeschlagen. Verglichen damit starben allein im Jahr 2013 in Deutschland 3340 Menschen durch Verkehrsunfälle. 58 Flugzeuge sind lächerlich wenig im Vergleich zu 3340 Verkehrstoten in Deutschland pro Jahr. Rechnet man durchschnittlich 100 Passagiere pro Flugzeug, liegen wir bei 3960 Toten – weltweit. Teilen wir diese 3960 Toten auf die 25 Luftfahrt betreibenden Nationen auf, kommen wir auf 158 Tote pro Nation im Jahr. 158 Tote von 82 Millionen Deutschen sind 158 sehr bedauerliche Tote zu viel, fallen aber – verglichen mit 15.000 Grippetoten im Jahre 2013 – nicht so sehr ins Gewicht. Vorläufige Schlussfolgerung: Flugangst ist also vermeintlich unbegründet. Sie ist anscheinend irrational. Sie widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Wirklich?

Was aber ist die Ursache für die Flugangst vieler Menschen? Erstens wird der Mensch durch ein Flugzeug aus seiner vertrauten irdischen Situation der Erdverbundenheit herausgerissen. Fliegen ist nicht die übliche Fortbewegungsart für den „Läufer” Mensch. Zweitens liegt der Unterschied zwischen „Flugzeugtod” und „Grippetod” in der Prävention. Menschen haben es selbst in der Hand, sich jedes Jahr gegen Grippe impfen zu lassen. Viele verzichten jedoch darauf, weil sie die Gefahr, sich mit dem Grippevirus anzustecken, unterschätzen. Ein Fluggast hat es jedoch nicht in der Hand, ein Flugzeug sicher zu starten, über viele tausend Kilometer sicher über den Atlantik und den Nordpol zu fliegen und anschließend sicher zu landen. Der Fluggast kann das Flugzeug vor dem Flug auch nicht akribisch genau auf den technisch einwandfreien Zustand überprüfen. Zu viele Faktoren sind außerhalb des Kontrollbereichs. Die Ursache für Flugangst ist daher Ausgeliefertsein. Der totale Kontrollverlust.

MH370 der Malaysian Airlines © Public Domain
Viele Menschen fühlen sich während eines Flugs den Launen der Piloten, der Anfälligkeit der Technik und dem Wetter ausgeliefert. So sind alkoholisierte Piloten keine Seltenheit. Von unzureichend gewarteten Maschinen ganz zu schweigen. Piloten können ein Blutgerinnsel im Gehirn haben, das während des Flugs platzt. Oder einen Herzinfarkt. Sie können vor dem Flug einen sehr belastenden Ehekrach mit anschließender Trennung hinter sich haben. Sie können durch diese Belastung absichtlich den Transponder ausschalten, so dass die Flugüberwachung nicht mehr in der Lage ist, das Flugzeug weiter zu verfolgen. Sie können dann weit auf den Ozean Richtung Antarktis hinausfliegen und in einer Art „Amokflug” die Maschine mit den Passagieren irgendwo ins Meer stürzen. Im Fall von Malaysian Airlines MH370 am 8. März 2014 oder Malaysian Airlines MH17 am 17. Juli 2014 waren die Passagiere den Piloten bzw. den äußeren Umständen gnadenlos ausgeliefert. MH370 stürzte wahrscheinlich durch eine böswillige Manipulation des Piloten ins Meer und MH17 wurde über der Ukraine abgeschossen. (Beide Flugzeuge waren Maschinen des Typs Boing 777-200.)

Wenn man Flugangst per se aufschlüsselt, ist z.B. die Sorge vor alkoholisierten Piloten sehr begründet, denn viele Piloten stehen unter enormem Stress, so dass sie häufig zur Flasche greifen. Darüber hinaus möchte niemand zu diesen „bedauerlichen Ausnahmen” eines Flugzeugabsturzes gehören, die durch menschliches Unvermögen verursacht werden. Menschen mit Flugangst müssen daher mit ihrer Furcht ernst genommen werden. Denn: Flugzeugabstürze sind meistens menschenerzeugte Ereignisse, wie im Falle von MH370 und MH17. Diese „Zufälle” sind nicht unwahrscheinlich – sie können sich auch erschreckend häufen. Keine Angst zu haben vor dem Fliegen schützt demnach nicht vor Flugzeugunfällen. Flugangst ist mitnichten „irrational”.

© Daniel Gerritzen

Mittwoch, 6. August 2014

Ebola: Von der Fiktion zur Wirklichkeit

Ebola-Virus © Public Domain
Ich stehe vor dem DVD-Regal. Zusammen mit meiner Frau möchte ich den Film „Outbreak” von Wolfgang Petersen aus dem Jahr 1995 ansehen. In diesem Thriller mit Dustin Hoffman und Rene Russo in den Hauptrollen, gelangt ein tödlicher Stamm des Ebola-Virus von Afrika durch einen Affen in die USA. Der Affe infiziert in einer Tierhandlung den Besitzer des Ladens. Das Blut des Tierladenbesitzers wird in einem Labor untersucht. Während der Untersuchung infiziert sich ein Laborant durch Unachtsamkeit mit dem Virus und überträgt es bei einem Kinobesuch in der amerikanischen Kleinstadt Cedar Creek auf andere Menschen.

Unterdessen mutiert das Virus. War es vorher nur durch den Kontakt mit Blut und Körperflüssigkeiten der Infizierten übertragbar, so fliegt es nun durch die Luft und kann durch Einatmen in den menschlichen Körper gelangen. Binnen weniger Stunden verbreitet sich das Virus in Cedar Creek. Das Militär rückt aus und riegelt die Stadt ab. Es kommt zu Dutzenden Todesfällen. Die Lage gerät außer Kontrolle. Das Militär schickt einen Bomber, um die Kleinstadt einzuäschern. Gelingt es Colonel Sam Daniels, ein Serum auf der Basis des Affenblutes zu finden, das die Menschen vor dem sicheren Tod durch die Bombe des Militärs retten könnte?

Was so klingt, als ob es nur der Phantasie eines Stephen King entspringen kann, wurde in den letzten Wochen in Westafrika auf erschreckende Weise real. Seit Februar 2014 griff der Ausbruch des Ebola-Virus in Guinea auf die Länder Sierra Leone, Liberia und auch Nigeria über. Auch der Kongo ist nun betroffen, wenngleich hier ein anderer Ebola-Stamm wütet. Mehr als 4000 Menschen starben bisher, viele tausende werden dem Virus noch zum Opfer fallen. Ebola gehört, wie das Marburg-Virus, zu den „hämorrhagischen” Blutungsfiebern: das Virus löst im Körper der Infizierten zunächst grippeähnliche Symptome wie hohes Fieber, Kopf- und Halsschmerzen, im fortgeschrittenen Stadium Übelkeit, Erbrechen und Durchfall aus, um dann schließlich im Endstadium die Organe zu zersetzen, so dass die Patienten aus allen Körperöffnungen bluten und blutige Ausscheidungen abgeben. Ebola-Patienten sterben an sehr schmerzhaften Blutungen im Magen-Darmtrakt und in den Lungen.

Abgesehen von einem experimentellen Serum, das sich noch in der Testphase befindet, gibt es keinen Impfstoff gegen das Ebola-Virus, das nach dem Fluss Ebola im afrikanischen Staat Kongo benannt ist, wo es erstmals im Jahr 1976 auftrat. Gesundheitsexperten der WHO spielen die Gefahr herunter, denn die Infektion geschieht in den betroffenen Ländern meistens nur über den Kontakt der unaufgeklärten Einheimischen mit den Körperflüssigkeiten der Ebola-Toten. Die Inkubationszeit schwankt von 2 bis zu 21 Tagen. Der Ursprung des Virus ist noch immer ungeklärt. Vielleicht sind Affen die Wirte, vielleicht Fledermäuse.

Inzwischen hat sich der Ebola-Ausbruch in Afrika zu einer Pandemie entwickelt. Doch die Infizierten stürben so schnell, dass das Virus sich auf Afrika beschränken wird, so die Argumentation der WHO Experten. Darüber hinaus seien die Sicherheitsvorkehrungen in den USA und Europa zu strikt, als dass Ebola in den Industrieländern ausbrechen und außer Kontrolle geraten könnte. Aber das sind nur Mutmaßungen, ein Versuch, die wachsende Beunruhigung einzudämmen. Es könnte zu Umständen kommen, die nicht vorhersehbar sind. So war es bei der „spanischen Grippe” in den Jahren 1918 bis 1920, an der auch meine Urgroßmutter und 50 Millionen weitere Menschen starben. Zwar ist der Infektionsweg von Ebola nicht so direkt wie bei einer Grippe. Doch ist die Inkubationszeit lang genug, damit Infizierte mit Ebola „hausieren” gehen könnten. Wie wirkungsvoll die Schmierinfektion ist, zeigt die allwinterliche Magendarm-Grippewelle durch das Noro-Virus.

Meine Hand verharrt vor der „Outbreak”-DVD. Wir finden die Idee, den Streifen anzusehen, plötzlich doch nicht mehr so prickelnd. „Outbreak” ist uns angesichts der gegenwärtigen Lage in Afrika und der drohenden Gefahr eines Ausbruchs in Europa und den USA doch zu unheimlich. Stattdessen rege ich an, einen anderen Film zu sehen.
Meine Frau schlägt „Das Ding” von John Carpenter vor. Ich stimme begeistert zu. Darin geht es nun wirklich nur um einen außerirdischen Parasiten, der nach hunderttausend Jahren aus dem ewigen Eis der Antarktis freigesetzt wird und die Besatzung einer Antarktisstation auf grauenvolle Weise dezimiert.

Keine Angst. Die Story von „Das Ding” ist nur Fiktion. Ist es doch – oder?

© Daniel Gerritzen