Donnerstag, 15. September 2016

Die Angst vor Präsident Donald Trump

© Viking Press, 1979
Im August 1979 veröffentlichte Stephen King seinen Roman “The Dead Zone”. Darin beschreibt King, wie der Highschool-Lehrer Johnny Smith mit seinem Wagen verunglückt und fünf Jahre später im Krankenhaus aus dem Koma erwacht. Smith entdeckt, dass er die unmittelbare Zukunft bestimmter Personen sehen kann, wenn er ihre Hände berührt. Auf diese Weise rettet er einige Menschenleben und verhindert Katastrophen. Die größte Katastrophe sieht er jedoch plötzlich bei einer Wahlkampfveranstaltung des Industriellen Greg Stillson. In einer erschreckenden Vision sieht Smith, wie Stillson als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika einen Atomkrieg auslöst. Smith ist sich schmerzlich bewusst, dass er Stillson gewaltsam aufhalten muss. (Kings Buch folgte 1983 eine eindringliche Verfilmung von David Cronenberg mit Christopher Walken als Johnny Smith und Martin Sheen als Greg Stillson.) Gelingt es Johnny Smith, den skrupellosen Stillson davon abzuhalten, einen Atomkrieg zu entfesseln?

Machen wir einen Zeitsprung. Am 8. November 2016 wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Kandidaten für das Präsidentenamt sind die Demokratin Hilary Clinton, der Libertäre Gary Johnson, die Grüne Jill Stein und der Republikaner Donald Trump. Es scheint um die politische Meinung in Amerika und die republikanische Partei nicht gut zu stehen, wenn ein narzistischer Show-Mensch wie Donald Trump überhaupt die Vorwahlen übersteht und offizieller Präsidentschaftskandidat wird. Auf den ersten Blick hat Stephen King daher nur Verachtung für den rechtspopulistischen Immobilienmogul Trump übrig. King wird mithin nicht müde, Donald Trump – gelinde gesagt – negativ darzustellen. So postete er am 11. August auf Twitter: “From the Book of Republicans: Lo, we have many assholes running for President, let us consider, and pick the biggest. And so it was done.”


Donald Trump · © Michael Vadon
Für King ist Donald Trump mithin das größte Arschloch”, das die Republikaner aufzubringen vermögen. Dass Stephen King als bekennender Demokrat nicht nur Verachtung, sondern regelrechte Furcht vor Donald Trump verspürt, offenbart aber ein Tweet, den er einige Monate zuvor postete: King bezeichnet Donald Trump als unwürdig, mit Namen genannt zu werden und nennt ihn “He who must not be named”. King vergleicht Donald Trump hier mit dem fiktiven Charakter Greg Stillson aus seinem Roman “The Dead Zone”. Für Stephen King ist Donald Trump ein gefährlicher Demagoge. Ist Stephen Kings Furcht vor einem Präsidenten Trump berechtigt? Wie könnte es unter Mr. Trump zu einem Atomkrieg kommen?

In einem Interview im März 2016 ließ Donald Trump die Öffentlichkeit aufhorchen, als er bei einem Meeting mit Sicherheitsberatern dreimal gefragt haben soll, warum die USA denn ihre Nuklearwaffen nicht einsetzten, wenn sie schon darüber verfügen. Zu einer anderen Gelegenheit bekräftigte Trump, dass er als Präsident nicht ausschließen könne, Nuklearwaffen einzusetzen. Trump hätte auch keine Scheu, „die Scheiße aus dem IS rauszubomben.  

US-Truppen in Baghdad 2003 · © Public Domain
Der IS-Terror spielt eine Schlüsselrolle bei der Frage, ob ein Präsident Trump einen Atomkrieg auslösen könnte. Die Lage ist im Nahen Osten durch den syrischen Bürgerkrieg komplizierter, als das Mr. Trump wahrhaben will auch wenn er gegen die US-Invasion in den Irak im Jahr 2003 war, die bis heute 250.000 Irakern das Leben kostete. Der sogenannte „Islamische Staat” ist nur das Kind der Invasion in den Irak im Jahr 2003 unter der Administration Bush/Cheney. Dabei kam die Invasion unter vorsätzlich falschen Angaben von Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat zustande: Bekanntlich wurden keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden. Stattdessen streiten seit der Befreiung des Irak Sunniten, Schiiten und Kurden um die territoriale Vorherrschaft. Die schlimmste Folge jedoch war: Führende irakische Militärs des gestürzten Saddam-Hussein-Regimes gründeten zusammen mit radikalen Dschihadisten von Al-Qaida die islamistisch geprägte, terroristische Bewegung des „Islamischen Staats. Das Ziel ist die Errichtung eines weltweiten Kaliphats unter der Herrschaft des IS mittels Terror und Krieg.

Wenn Donald Trump also „die Scheiße aus dem IS bomben will, dann wäre das ein Versuch, die schrecklichste politische Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg zu korrigieren. Doch seine Korrektur wäre eine Verschlimmbesserung. Die Lage ist nicht nur kompliziert, sondern angesichts der syrischen Flüchtlingskrise dramatisch und explosiv. Seit Bundeskanzlerin Angela Merkels wiederholtem Mantra „Wir schaffen das! im Jahr 2015 sind 1,1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen – ein Ende ist nicht in Sicht. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist die Angst der Amerikaner groß, Opfer des islamistischen Terrors durch den IS zu werden, denn 9/11 ist ein nationales Trauma. Realer aber ist die Gefahr für die Europäer, wie die Anschläge von Paris am 13. November 2015 durch den IS zeigten, bei denen 130 Menschen starben. Auch wenn die Gefahr abstrakt ist, so ist die Angst vor dem Terror in den USA und Europa größer als je zuvor.

Falls Mr. Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt werden sollte, dann wäre sein Wahlerfolg eine zwingende Konsequenz aus der Angst der Amerikaner vor der von ihm geschürten Angst vor dem islamistischen Terrorismus. (Ähnliches geschah abgeschwächt vor der Wiederwahl von George W. Bush 2004.) Mr. Trump wird nicht müde zu betonen, wie katastrophal die politischen Zustände durch Angela Merkels Entscheidung, syrische Flüchtlinge in großer Zahl ins Land zu lassen, in Deutschland und Europa geworden seien. Doch Mr. Trumps Wahrnehmung Europas ist so extrem verzerrt, wie er es für sein Ziel braucht. Er könnte sich auch vorstellen, Atombomben in Europa einzusetzen.

Kriegsschäden in der syrischen Stadt Homs
© Public Domain
Trumps Wahlprogramm besteht aus Angst, so wie das Wahlprogramm der AfD hierzulande aus Angst vor dem Fremden und Unbekannten besteht. Denn das sind syrische Flüchtlinge für uns: Fremde aus einem uns unbekannten Kulturkreis. Sie haben ihre Familien und ihren Besitz durch den Krieg verloren, sie fliehen vor Tod, Verstümmelung und Vergewaltigung durch den „Islamischen Staat und das Regime von Baschar al-Assad. Dabei ist die Möglichkeit, dass unter den syrischen Flüchtlingen in Deutschland der eine oder andere „Schläfer des IS auf seinen großen Terror-Auftritt wartet, nicht von der Hand zu weisen. Diese Angst ist berechtigt – und nur menschlich. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass IS-Terroristen auch ohne die Flüchtlingsbewegung nach Deutschland kommen, denn sie wollen nicht auffallen.

In einem älteren Posting zum Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo habe ich darauf hingewiesen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Terroristen atomare, biologische oder chemische Massenvernichtungswaffen einsetzen. Diese Gefahr würde Präsident Trump nutzen, um Gesetze drastisch zu verschärfen und die altehrwürdige Demokratie der USA in eine Autokratie zu verwandeln. Mit der Wahl eines möglichen Präsidenten Donald Trump würde das amerikanische Volk einem Hohepriester der Angst und der Zwietracht zur Macht verhelfen. Sollte Mr. Trump gewählt werden, dürfte die weltpolitische Situation noch problematischer werden. Der für seine Impulsivität bekannte Immobilienmogul ist berüchtigt für seine Rachsucht und seine cholerischen Wutausbrüche. So könnte sich Mr. Trump vorstellen, auf einen terroristischen Anschlag mit Nuklearwaffen zu reagieren.  

Zweifellos würden amerikanische Nuklearbomben im Nahen Osten die weltpolitische Situation extrem eskalieren lassen. Das würde der russischen Seite, politischer Verbündeter von Baschar al-Assad, nicht sehr gefallen. Auch wenn Trump Sympathie für Vladimir Putin geäußert hat: spätestens hier würde die vermeintliche Männerfreundschaft zwischen Mr. Trump und Herrn Putin abrupt enden und in einen handfesten Konflikt ausarten. Da Donald Trump, wie Greg Stillson in Stephen Kings “The Dead Zone”, Probleme hat, seine Aggressionen zu zügeln, könnte dieser Konflikt sehr schnell in einen nuklearen Krieg ausarten. Darüber hinaus dürfen wir nicht unterschätzen, dass die mangelnde außenpolitische Erfahrung eines Präsidenten Trump von weitaus intelligenteren und gerissenen Falken im Weißen Haus ausgenutzt würde – selbst wenn Mr. Trump keinen Atomkrieg wollte, wäre er nur eine Marionette.

Kommen wir nun zur Frage zurück, ob Stephen Kings Furcht vor einem Präsidenten Trump begründet ist und ob es unter ihm zu einem Atomkrieg kommen könnte

Ein klares Ja”. Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs steigt unter einem Präsidenten Trump dramatisch. Seine Marschroute ist klar: Angst schüren, Präsident werden, IS mit Nuklearwaffen bekämpfen koste es auch die Sicherheit Europas , die USA von der Welt abschotten. In einem weltpolitischen Klima des Terrors ist es nur eine Frage der Zeit, bis Mr. Trump als US-Präsident überreagieren würde. Ein Präsident Trump im Besitz des Nuklearkoffers ist somit ein Alptraum. Es ist unwahrscheinlich, dass es nur ein Alptraum bleibt. Am 9. November, wenn alle Stimmen ausgezählt sind, wissen wir, ob die Angst über die Vernunft der Amerikaner gesiegt hat.

Stephen Kings Roman endet damit, dass Johnny Smith während einer Wahlkampfveranstaltung auf Greg Stillson schießt. Doch er verfehlt ihn. Stillson schnappt sich ein Kind und benutzt es als Schutzschild. Pressefotografen dokumentieren diesen Akt der Feigheit, die ihn schließlich politisch zu Fall bringt. Doch Johnny Smith wird von Sicherheitskräften getötet. Er opferte sich für die Zukunft der Menschheit.

Es bleibt stark zu bezweifeln, dass es nach der Wahl von Donald Trump zu einem ähnlichen Happy End käme.

© Daniel Gerritzen